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Warum hungern Menschen in einer reichen Welt?

Die Vereinigten Staaten waren 2018 gemessen an ihrem Bruttoinlandsprodukt von 20,5 Billionen US-Dollar die größte Volkswirtschaft der Welt. Addiert man die niedrigen Einkommen der US-Bevölkerungsmehrheit zu den hohen Einkommen der Minderheit und teilt die Summe durch die Zahl der Gesamtbevölkerung erhält man für 2018 ein Pro-Kopf-Einkommen von 62.887 US-Dollar, worüber die USA zu den zehn wohlhabendsten Ländern der Welt zählen. (1)

Laut einem offiziellen Bericht der US-Regierung kämpfen mehr als 37 Millionen Menschen in diesem wohlhabenden Land mit Hunger.(2) Seit mehr als 35 Jahren reagiert die Organisation Feeding America auf diese Hungerkrise in den USA, indem sie über ein landesweites Netz von Lebensmittelbanken Lebensmittel an Bedürftige liefert. Das Konzept des Food Banking wurde von John van Hengel in Phoenix, in den späten 1960er Jahren entwickelt. Van Hengel, ein Geschäftsmann im Ruhestand, hatte ehrenamtlich in einer Suppenküche gearbeitet und versucht, Essen für die Hungrigen zu finden. Als mit dem zunehmenden Grad der Ernährungsunsicherheit die Zahl der Lebensmittelbanken wuchs, schuf van Hengel eine nationale Organisation für Lebensmittelbanken. Heute ist Feeding America neben diversen weiteren Hilfsorganisationen die größte inländische Organisation der USA zur Unterstützung der Hungernden. (3)

Ohne die Spendenbereitschaft sowie den oft ehrenamtlichen Einsatz in Organisationen wie Feeding Amerika in Hinblick auf die Not der Bedürftigen schmälern zu wollen, weiß jeder, dass die Beschränkung auf die Wohltätigkeit und die Verteilung von Nahrungsmitteln nicht den Grund für den Hunger beseitigen kann. Erst wenn wir die tieferen, grundlegenden Ursachen betrachten, können wir damit beginnen, echte Lösungen für das soziale Elend an der Quelle zu finden. Aber was ist die grundlegende Ursache für die Hungersnot in einer reichen Welt?

Die verbreitete Kritik an der »sozialen Ungerechtigkeit« trifft die tiefere Ursache der Hungersnot nicht. Die Kritiker der »sozialen Ungerechtigkeit« wollen ebenso wie die Verfechter freier Marktkräfte die Frage, was, wie und für wen produziert wird, durch den Zweck der privaten Bereicherung in der Konkurrenz auf den Märkten entscheiden lassen. Die »soziale Marktwirtschaft« soll nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren, aber besser sein als die »neoliberale« Marktwirtschaft. Die ökonomischen Gegensätze, die über die Konkurrenz auf Arbeits- und Warenmärkten das gesellschaftliche Miteinander der Menschen bestimmen, sollen weiter gelten. Ebenso das Recht auf Eigentum an Produktionsmitteln und damit die Mittellosigkeit derer, die aus welchen Gründen auch immer nicht zu diesem privilegierten Kreis gehören. Die Anhänger der »sozialen Marktwirtschaft« wollen auf die vielgepriesene Effizienz der Marktwirtschaft nicht verzichten. Lediglich die Kosten, die infolge effizienter Arbeitsbedingungen, effizienter Kinder- und Altenbetreuung, effizienter Bildungs- und Gesundheitspolitik, effizienter Umweltpolitik usw. anfallen, sollen durch sozialstaatliche Regulierung vermieden werden.

Im marktwirtschaftlichen Produktionsverhältnis wird die Mehrheit der Bevölkerung zum Kostenfaktor in der Gewinnkalkulation der Minderheit der Produktionsmittelbesitzer. Das Ideal einer sozialstaatlich geregelten Marktwirtschaft beinhaltet daher den Widerspruch, die auf den Zweck der privaten Geldvermehrung ausgerichtete Effizienz ohne die durch diese private Effizienzkalkulation verursachten Folgen haben zu wollen. Trotz der wachsenden Kluft zwischen Armut und Reichtum, trotz steigender Arbeitslosigkeit, trotz wachsender Altersarmut, trotz Straßenkindern und Bildungsnotstand, trotz irreführender Werbung, Lebensmittel- und Umweltskandalen, trotz Hunger und Elend, die die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung seit jeher begleiten, fordern die Kritiker der »sozialen Ungerechtigkeit« nicht den Grund, das Eigentum an Produktionsmitteln, abzuschaffen, sondern die sozialstaatliche Reglementierung des Marktes als Umgang mit den notwendigen Folgen. Da der Ausgangspunkt dieser Forderung die Parteinahme für die Marktwirtschaft ist, liegen die engen Grenzen der zumutbaren Regulierung bereits fest. Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen darf nicht ernsthaft gefährdet werden. Die Grundlage dafür, was, wie, ob überhaupt bzw. für wen produziert wird, ist schließlich das Erfolg versprechende Geschäft, die privatwirtschaftliche Bereicherung, und nicht die planmäßige gesellschaftliche Organisation, Gebrauchsgegenstände zum Zwecke der Versorgung der Gemeinschaft zu produzieren. »Können wir uns den Sozialstaat leisten?« ist daher die zwangsläufig aufkommende Frage, die angesichts des sozialen Elends unter Anhängern der Marktwirtschaft diskutiert wird. Beantwortet wird die Frage von der Konkurrenz auf dem Markt und da sich die Kritiker der sozialen Ungerechtigkeit mit den Befürwortern der freien Konkurrenz im Ausgangspunkt einig sind, bestimmt sich über die Wettbewerbsfähigkeit, was realistisch bzw. unrealistisch ist. Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe, Arbeitsschutzgesetze, Umweltschutzgesetze, Lebensmittel-gesetze, der Umfang der medizinischen Versorgung usw. orientieren sich an dem in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz machbaren. Alles andere wäre in dieser Wirtschaftsordnung in der Tat reine Traumtänzerei.

Die Frage nach der Alternative zu diesen Errungenschaften der Marktwirtschaft beginnt daher mit der Kritik der politisch gewollten Wirtschaftsordnung.

Solange der Zweck, Geld zu verdienen, die Wirtschaftsordnung bestimmt, ist das Resultat, dass nur das zahlungsfähige Bedürfnis zählt, unausweichlich. Lebensmittelüberschüsse und Welthunger sind in der Marktwirtschaft kein Widerspruch. Man kann die tieferliegende Ursache von Hunger in einer reichen Welt nicht beseitigen, wenn man die Marktwirtschaft erhalten will.

Da helfen auch keine wohlgemeinten Benefiz-konzerte für die Hungernden und der allgemein verbreitete Konsens, dass geholfen werden müsste. Almosen, Lebensmittelbanken und Hilfe zur Selbsthilfe bleiben die einzigen Angebote, die marktwirtschaftlich verträglich sind. Hilfe zur Selbsthilfe als Verpflichtung, in der Konkurrenz auf den Arbeits- und Warenmärkten erneut sein Glück zu versuchen, obwohl diese Konkurrenz gerade der Ausgangs-punkt für die eigene Notlage war.

Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative Band 1

Red & Black Books 2020

ISBN: 978-3-9822065-1-6

239 Seiten, 13,50 €

(1) https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD?locations=US

(2) USDA-Bericht 2019 Household Food Insecurity, https://www.feedingamerica.org/hunger-in-america

(3) https://www.feedingamerica.org/about-us/our-history